Barbara Ch. Jakob |
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Wer/was bin ich? |
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| eine Überlebende | ||||
Kreta-Reisende / |
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Rekonstruktion |
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| berufstätig | ![]() |
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| ein Rätsel | ||||
manche Möglichkeiten
eine Wirklichkeit |
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| Woher komme ich? | ||||
| aus der Zeit aus dem Süden aus dem Norden aus dem Osten aus dem Westen aus meiner Mutter aus meinem Vater |
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| zwei Mütter |
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| drei Lächeln |
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'Blaue Berge am Horizont' |
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Wohin gehe ich? vorwärts meine linke Hand ist gerade |
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Das Schwein tanzt
oder
Herzel heilen
oder
Erbt der Mann die Beziehung, die die Frau zu ihrer Mutter hatte?
Die Eleusinischen Mysterien wurden im ganzen Mittelmeerraum
zelebriert..., Die Liebe von
Zigeunern stammt...
„Als
18-Jähriger war ich technisch so gut wie Raffael. Den Rest meines Lebens
habe ich gebraucht, um wie ein Kind malen zu lernen.“
My father promised me roses, my mother promised me thorns...
In den 50er Jahren
in Sląnsk/Polen zog meine Mutter ein kleines Schwein groß. Sie war
damals eine schöne Frau von Mitte dreißig und musste erst fünf, dann
sechs, bald sieben Kinder, einen Ehemann und eine jüngere Schwester, die
ihr im Haushalt und beim Kindergroßziehen half, ernähren. Es waren die
Nachkriegsjahre und es herrschte Not. Die Menschen hatten Hunger. Wir
auch. Meine Mutter verstand nichts von der Schweineaufzucht. Sie hatte
Klavierspiel und Gesang erlernt. Doch da unser Hunger groß war und ihre
Kinderschar größer wurde, begrub sie damals endgültig ihren Traum von
einer Karriere als Pianistin und widmete sich fortan hingebungsvoll dem
Kinderkriegen & -großziehen sowie dem Tauschhandel: Milch, Brot, Eier,
Butter, Quark/Käse, Obst, Fleisch, Gemüse usw. gegen Luxusartikel. (Der
Tonkunst schwor sie allerdings nicht ganz ab. Ihr Fortepiano wurde nicht
verkauft oder gegen Lebensmittel eingetauscht. Auch die Kunst ist
schließlich ein Lebensmittel! Damals spielte meine Mutter häufig
Schumanns Träumerei auf dem Klavier. Dachte sie dabei an
Clara? Wie Clara Schumanns Vater hatte auch ihr Vater versucht, aus
seiner begabten Tochter ein Wunderkind am Klavier zu machen.
Meine Mutter besaß einen starken
Überlebenswillen. Dieser ließ sie rasch erkennen, gegen welche
Erzeugnisse des nichtalltäglichen Bedarfs die Bäuerinnen von Chmielowice
(das Dorf, in dem wir damals wohnten) ihre Vorratskammern zu öffnen und
deren nahrhafte Schätze herauszurücken bereit waren: glänzende Korsagen
aus Atlas, spitzenbesetzte Büstenhalter, raschelnde Unterröcke aus
Kunstseide, hübsche Blusen, modische Kleider nach neuestem Schnitt und
Jacken mit städtischem Schick. Die Dorffrauen von Chmielowice und
Umgebung wollten für ihre Lebensmittel nicht unbedingt Geld haben (das
zu der Zeit in Polen niemand hatte, und das auch wenig wert war). Sie
wollten lieber einen Hauch von Eleganz und Schönheit, Dinge, die sie
seit langem entbehrten. Während der Kriegsjahre hatte ihnen niemand
feine Reizwäsche oder schicke Kleider angeboten. Und in den Jahren
danach folgte dem Grauen des Krieges schnell der graue Alltag des
Kommunismus. Und so kam es, dass sich irgendwann ein paar Kaninchen,
eine Ziege („Ziegenmilch ist sooo gesund!“), zwei Gänse, mehrere Hühner
und jenes kleine Schwein im großen Garten des Hauses tummelten, in
dessen erster Etage wir damals zur Miete wohnten.
Tiere,
gute Luft und die Natur gehören auf dem Dorf zum Alltag, in der Stadt
nicht. Das war einer der Gründe, warum meine Eltern die Stadt, in der
sie sich kennen und lieben gelernt hatten, und in der ich geboren wurde,
verließen. Sie hatten dort in der Firma meiner drei Großonkel zusammen
gearbeitet, zusammen Erfolg gehabt, geheiratet, ihre erste gemeinsame
Wohnung bezogen, ihre ersten (gemeinsamen) Kinder zur Welt gebracht
(auch mich).
Und sie hatten dort Schreckliches erlebt. Als meine Mutter mit ihrem
vierten Kind schwanger war, zogen sie fort. Sie wollten die
Vergangenheit hinter sich lassen und an einem neuen Ort neu anfangen.
Ihr Ausreiseantrag nach Westdeutschland war abgelehnt worden. Es waren
die frühen 50er Jahre, die polnische Volkswirtschaft brauchte fähige und
leistungswillige Fach- & Führungskräfte, die beim Wiederaufbau des
Landes halfen. Außerdem wurden für den Aufbau des Sozialismus Menschen
guten Willens gebraucht. Man ließ meine Eltern nicht ziehen.
Der Weg
nach Westen war ihnen versperrt, meine Eltern waren verzweifelt. Doch
sie liebten einander und sie liebten ihre Kinder (auch die noch nicht
geborenen, in vertraulichen Stunden erzählte meine Mutter manchmal, mein
Vater habe sich als junger Mann zwölf Kinder gewünscht – zwölf!).
Sie beschlossen, dass, wenn schon sie unfrei leben mussten, wenigstens
ihr Nachwuchs eine schöne Kindheit haben sollte: mit viel Freiheit
inmitten von Wiesen, Feldern, Wäldchen, Bächen zum Krebsefangen, Teichen
und kleinen Wasserläufen zum Schwimmen im Sommer und zum
Schlittschuhlaufen im Winter, mit Straßen ohne Autos, Wegen zum
Barfußlaufen, blauen Hügeln am Horizont usw. Eine Großstadt mit ihren
gepflasterten, verkehrsreichen Straßen und den vielen Mauern, die den
Horizont und die Blicke der Menschen verstellen, ist für Kinder
ungeeignet. Kinder wollen die Welt spielend erkunden. Zwischen Autos,
Lkws, Bussen, Motorrädern, Straßenbahnen, Abgasen und hektischen,
gestressten Menschen ist dies nur eingeschränkt möglich, außerdem
gefährlich. Meine Eltern liebten das Land. Also zogen wir nach
Chmielowice, in jenes von Geheimnissen durchwehte Dorf westlich von
Opole, wo dann mein jüngerer Bruder zur Welt kam.
Das
vierte Kind. Die Geburt meines jüngeren Bruders muss ein Schock für
mich gewesen sein. Es verwirrt und verletzt mich, dass meine Mutter, die
schon drei Kinder hat (sie hat doch auch mich!), noch ein
weiteres in die Welt setzt. Und dann noch eins. Und noch eins. Und nach
drei Jahren wieder ein neues. (Clara Schumann hatte acht Kinder!) Diese
rosigen, leicht verknitterten, nach Zuwendung und Zärtlichkeit
schreienden kleinen Wesen, auf die man immerzu aufpassen muss, sind so
zart besaitet, dass jeder zu kalte Luftzug (jeder Hauch von
Gefühlskälte/Gleichgültigkeit?) ihnen eine Krankheit oder den Tod
bringen kann. (Was ist das:Tod?).
Die kleinen Schreihälse sind für mich voller
Rätsel. Woher kommen sie? Und wieso liegen sie plötzlich in dem
Gitterbettchen, das noch bis vor kurzem mir gehörte? In dem
weißlackierten kleinen Bett, das neben dem großen Ehebett meiner Eltern
steht, habe ich drei Jahre lang geschlafen, getrunken, geschrieen,
gezahnt, die erste feste Nahrung probiert, bin auf allen Vieren
herumgekrabbelt und habe versucht, mich aufzurichten, wieder und wieder.
Mit beiden
Händchen greife ich nach den Stäben, die zwischen mir und der Welt sind.
Meine Finger sind klein. Doch ich kriege zwei zu fassen und ziehe mich
an ihnen hoch. Ich will aufrecht stehen! Will nach oben!
Meine Beinchen knicken jedoch immer wieder ein und ich falle auf meinen
mit Windeln umwickelten Popo zurück. Ich kann das neue Gleichgewicht
noch nicht halten. Nach jedem missglückten Versuch (es waren viele!)
richtete ich mich jedoch wieder auf und probierte es erneut. Ich liebe
den aufrechten Stand bzw. Gang! Ich kann dann mehr von der interessanten
Welt außerhalb des Bettchens sehen!
Damals lernte ich ja und nein
zu sagen und andere erste Wörter. Sprache fasziniert mich. In meiner
Kindheit existierte sie in zwei Versionen: Deutsch und Polnisch.
Außerdem gehörten noch jiddische, tschechische, französische, russische,
englische und Romani-Einsprengsel dazu, Schlesien ist ein
Land des Völker- und Sprachengemischs. Meine Mutter sprach deutsch, mein
Vater auch polnisch und meine Tante modulierte ihre Vokale auf
gefühlvolle jiddische Art. Ich höre noch ihr weiches „Jej jej!“, wenn
wir als Kinder mit unseren aufgeschlagenen Knien zu ihr kamen. Sie
pustet vorsichtig auf die aufgeschürfte Hautstelle, betupft sie mit
gelber Jodtinktur und
umwickelt sie mit einer weichen weißen Mullbinde. „Binde Binde!“ schreie
ich, wenn ich hinfalle oder mir mit dem Messer in den Finger schneide
oder auch, als meine Hand voller Brandblasen war, weil ich wissen
wollte, wie heiß eine Herdplatte ist. Als wissbegieriges Kind mit
ausgeprägtem Erkundungsdrang verletzte ich mich oft. Ich hätte dann
kategorisch nach einem Verband verlangt und erst aufgehört zu weinen,
wenn eine weiche weiße Mullbinde die schmerzende Stelle bedeckte,
erzählten Mutter und Tante.
Das „Jej jej!“
meiner Tante war übrigens die schlesische Version des
korrekt-hochdeutschen „Oh je, oh je!“ und es klang aus dem Mund
der jüngeren Schwester meiner Mutter mitfühlend, tröstend und vollkommen
in Ordnung.
Zum
Problem wurden ihre gefühlvollen Ausrufe und Modalpartikeln erst durch
die Zurechtweisungen meiner Mutter, die bei ihren Kindern auf korrektem
Hochdeutsch bestand. Aber meine Mutter benutzt doch selber Wörter wie
tinnef, schum, schmu, schmonzes, mischpoche, nebbich, schmattahs,
ausbaldowern, mauscheln, meschugge, zores ,(nicht) koscher, ganeff,
tacheles reden usw.! Warum
tut sie das, wenn Jiddisch doch verboten ist? Auch Romani ist
verboten, obwohl Rom Mensch heißt! Von ihr höre ich das
Romani-Wort Schund, wenn sie ihrer Kritik, ihrem Missfallen oder
ihrer Geringschätzung Nachdruck verleihen will. Zigeuner
interessieren mich. Die Frauen kleiden sich in schöne, weitschwingende
Röcke und farbenfrohe Umschlagtücher mit Fransen (in Indien, woher sie
kommen, ist das Sonnenlicht stärker als bei uns, daher auch ihre Farben
kräftiger!). Die jungen Mädchen tragen an den Ohren Kreolen aus echtem
Gold. Ich will auch solche Ohrringe! Aber ich soll das Wort Zigeuner
nicht mehr sagen. Besser man sagt Roma und Sinti. Sinti & Roma wurden
von den Nazis verfolgt, in Konzentrationslager gesteckt und ermordet.
Heute leben sie in Deutschland als Angestellte oder Arbeiter, sind
Akademiker, Künstler, leitende Hauptkommissare, Mannequins usw. Einige
von ihnen reisen im Sommer im Wohnwagen durch Europa wie viele andere
Europäer auch. Das Anagramm von Roma lautet Amor. Das
gefällt mir. Zigeuner sind frech. Ich bin nicht frech. Ich bin ein
braves kleines Mädchen (damals kenne ich das Wort chuzpe noch
nicht!), deren Mutter Juden- & Romani-Wörter benutzt und von mir
verlangt, dass ich sie nicht sage. („Tu nicht, was ich tue! Tu,
was ich dir sage!“ ist ihre Antwort, wenn ich sie auf ihren
Widerspruch hinweise.) Die verbotenen Wörter sind farbig, ausdrucksvoll
und lebendig. Ich liebe ihren Witz, ihre Wärme, ihren Charme. Es wäre
ein Verlust für mein Deutsch, verschwänden sie aus meinem Wortschatz.
Doch meine Mutter besteht auf reinem Hochdeutsch und einer
gewählten Ausdrucksweise. Das seien wir unserer Herkunft und unserer
gesellschaftlichen Stellung schuldig! (Welcher gesellschaftlichen
Stellung???)
Aber auch mein Vater will, dass wir uns
hochsprachlich artikulieren. Seine mit dringlicher, fast flehender
Stimme vorgetragenen Erklärungen, warum nur der Warschauer Dialekt
das wahre Polnisch sei, und dass wir doch bitte! nur dieses
schöne-wahre-gute weil korrekte Polnisch sprechen möchten, wenn wir mit
den Dorfkindern spielen, berührt mich. Gern komme ich seiner Bitte nach,
auch wenn sein „Kein Wasserpolnisch!“ mehr wie ein Befehl
klingt denn wie eine Bitte. All das wirft Fragen bei mir auf und
bewirkt, dass ich eine Distanz zur gefühlvollen Ausdrucksweise meiner
Tante aufbaue. Ich lege diese nur ab und kehre zu unserer gewohnten,
warm modulierenden Alltagssprache zurück, wenn wir allein sind. Es wird
eine Art Geheimsprache zwischen uns.
Die Ausdrücke und Redewendungen meiner polnischen
Kindheit sind Teil eines Familienerbes, das ich erst spät entdeckte und
noch später akzeptierte. Zu diesem Erbe
gehörte auch, dass Tante Erma gern handelte. Die jüngere Schwester
meiner Mutter liebt es, für die eleganten Nylonstrümpfe, den echten
Bohnenkaffee, die Schokolade, die schicken Pullover, hübschen
Kinderkleidchen, Seidenkrawatten, Orangen (nach wochenlangem
Posttransport meist angeschimmelt) und anderen Luxusartikel, die wir in
Paketen und Päckchen aus dem Westen erhielten, auf dem Wolny Handel
in Opole hohe Preise zu erzielen. (Westwaren waren in den
polnischen Fünfzigern Luxus!) Tante Erma kann
warten. Nie verkauft sie ihre wertvollen Güter an den/die
Erstbeste/n. Sie gibt sie erst her, wenn sich der/die richtige, d.h.
zahlungskräftige Kunde/Kundin an ihrem winzigen Stand einfindet. Sie
will keine Groschenbeträge für ihre hochwertige Ware. Sie will einen
guten Preis und feilscht hartnäckig. Alle anderen Familienmitglieder
verabscheuen das Feilschen, ich auch. Tante Erma nicht. Sie kann kaum
Polnisch. Doch sie setzt ihren Stolz darein, ihren Beitrag zum kargen
Familieneinkommen jener kargen Jahre möglichst hoch ausfallen zu lassen.
Mutters Liebling.
Tante Erma war als Kind der Liebling ihrer Mutter. Nur ihren Sohn
Gottwald hatte Großmutter noch mehr verhätschelt als ihr zweitjüngstes
Kind. Erma war die siebte in einer Reihe von acht Geschwistern und ihre
Geburt schwer. Es hatte Komplikationen gegeben. Diese hinterließen bei
dem kleinen Mädchen einen Hüftschaden, der es leicht hinken ließ.
Großmutter hatte sich deswegen Vorwürfe gemacht und ihre sechste Tochter
liebevoller umsorgt als ihre anderen Kinder. Außer Onkel Gottwald. Der
einzige Sohn in einer siebenköpfigen Töchterschar wurde von Mutter und
Schwestern angebetet. Woraufhin Onkel Gottwald eine beachtliche Karriere
als Architekt hinlegte. Ich will auch der Liebling meiner Mutter sein!
Aber ich bin nur eine Tochter von fünf. Mein jüngerer Bruder Jo ist der
zweite Sohn. Und obwohl meine Mutter stolz darauf ist, einen Sohn mehr
zustande gebracht zu haben als ihre Mutter, ist doch mein älterer Bruder
Landrich ihr Liebling. Er ist der Erstgeborene und Stammhalter. Auf ihm
ruht ihre mütterliche Hoffnung. Erstgeburtsrecht. Missbrauch des
Erstgeburtsrechts.
Den
Dingen einen Namen geben. Als Kind liebte ich es, Dinge zu benennen.
Mein Vater nennt mich stolz sein Begriffe bildendes Kind. Aber
ich lerne damals auch, dass man oft allein ist im Leben: allein gelangen
wir auf diese Welt und allein verlassen wir sie wieder. Auch
Enttäuschungen machen uns einsam, oder wenn wir zur Seite geschoben und
vergessen werden. Sogar wenn wir uns entwickeln und plötzlich etwas
können, was wir vorher noch nicht konnten, bleiben wir mit unserer
Freude über unseren Fortschritt manchmal allein. Missbilligt
meine Mutter es, dass ich mich aufrichte und auf meinen Beinchen zu
stehen versuche? Wäre es ihr lieber, ich bliebe für immer klein,
unbeholfen und vollkommen abhängig von ihr? Das kann doch nicht sein!
Selbständigkeit ist doch gut! Und doch habe ich als Kind und Jugendliche
manchmal das Gefühl, meine Mutter freut sich nicht, wenn ich selbständig
werde und mich entwickle. Denn warum nennt sie mich spöttisch-abschätzig
„Frolleinchen!“, wenn ich mit meinen Talenten vor ihr zu glänzen
versuche? Warum sagt sie: „Niemand wird dich mehr lieben, wenn du so
intelligent bist.“? Sie macht mich klein. Kann sie mich nur lieben, wenn
ich klein bleibe? Warum? Ich werde nicht mehr gebraucht... Das
Drama des begabten Kindes...
Einige Zeit nach meiner Geburt
erkrankte ich schwer. Ich konnte keine Nahrung mehr bei mir
behalten und wäre fast verhungert. Wenn man mich oben mit Milch
fütterte, kam unten alles sofort wieder raus (nicht mehr als Milch!).
Etwas soll raus aus mir! Ich will etwas loswerden!
Ich magerte bis auf die Knochen
ab und kam ins Krankenhaus. Was nichts besserte. Die Ärzte waren ratlos
und meine Eltern mussten mich wieder nach Hause mitnehmen. Wie alle ihre
Kinder hat meine Mutter auch mich in den ersten Lebensmonaten gestillt.
Sämtliche Mütter-Ratgeber jener Zeit empfahlen jungen Müttern langes
Stillen: sowohl die NS-Ratgeber der Kriegszeit, die die kraftstrotzende
blonde Bestie propagierten, als auch die der
polnisch-kommunistisch-katholischen Nachkriegszeit, die für den Aufbau
des Sozialismus bzw. fürs Himmelreich gesunde Kinder wünschten. Bei
Nichtstillen drohe dem Nachwuchs schwere Krankheit (Beri-Beri!),
Fehlentwicklung (Zöliakie!) oder Verkrüppelung (Rachitis!) mitsamt dem
Fegefeuer eines behinderten Lebens! Oder gar der Verlusts des ewigen
Seelenheils! (Die Anhänger der Leche-League argumentieren heute
ähnlich!) Außerdem hilft Stillen der Gebärmutter, nach einer Geburt
wieder auf Normalmaß zu schrumpfen. Und es kann eine bezaubernde,
lustvolle, hocherotische Kommunikation zwischen Baby und Mutter sein (davon
war in all den Ratgebern allerdings keine Rede!):
ludeln, lutschen, nuckeln, suckeln, zuzeln,
lustvoll saugen, Lolli, Lutscher, Schnuller... Orale Phase. Orale
Symbiose. Orale Befriedigung (süß & saugut!). Orale Gier: fressen &
gefressen werden. Oralsadismus. Orale Fixierung. Orale Regression... Doch manchmal
vergisst meine Mutter meine Milchmahlzeit. Oder sie ist unaufmerksam,
nervös und nicht bei der Sache. Es kommt auch vor, dass sie mir ihre
Brust reicht, obwohl ich nicht hungrig bin, nur damit ich Ruhe gebe.
Oder sie beendet meine Mahlzeit, wenn ich noch weitertrinken möchte.
Nervt sie das Stillen ihres dritten Kindes? Sie hat die Prozedur schon
zweimal mitgemacht. Es muss kein drittes Mal sein! Doch ihre
Milch fließt und verursacht Schmerzen, wenn sie nicht abgesaugt wird.
Saugen. Säugling. Sie ist an ihr Baby gekettet und dieses (ich!)
an sie. Die Abhängigkeit nervt sie, macht sie reizbar. Diese
Abhängigkeit nervt mich, ich will sie loswerden! DIE ABHÄNGIGKEIT
NERVT UNS, WIR WOLLEN DAS NICHT MEHR!
Spiegelphase. Viele Frauen
wurden von ihren Müttern als Kind schlecht gespiegelt. Diese frühe,
sensible Zeit ist jedoch wichtig in unserem Leben. Suchen wir später
deshalb ständig nach irgendwelchen Spiegeln, weil schon unser erster ein
Zerrspiegel war?
Was
bewegt eine Frau nach der Geburt ihres dritten Kindes? Was bewegte meine
Mutter nach meiner Geburt? Ein Foto von damals zeigt
unsere inzwischen fünfköpfige Familie: mittig im Vordergrund ich im
Alter von vielleicht sieben Monaten mit großen, etwas starr aber
unerschrocken und neugierig in die Kamera blickenden Augen und ohne ein
Lächeln auf den Lippen. Ich sitze auf dem Schoß meiner betörend
lächelnden, schönen Mutter (zu der Zeit akzeptierte mein Körper bereits
wieder Nahrung). Links von mir meine ältere Schwester Conny auf dem
Schoß meines Vaters, der seinen Arm schützend um sein etwas trotzig
blickendes, bald vierjähriges Töchterchen legt. Rechts hinter meiner
Mutter: mein älterer Bruder Landrich, im weißen Hemd unter dunklem
Pullover. Seine schönen Kinderaugen blicken offen und erwartungsvoll in
die Welt. Er hat einen empfindsamen Kindermund, kurz geschnittenes Haar,
etwas abstehende Ohren und wird bald sieben Jahre alt sein. Sein Hals
steckt in einem weißen Hemdkragen und wird noch von keinem
Krawattenknoten zusammengeschnürt. Es ist ein Schwarz-weiß-Foto. Meine
Mutter trägt darauf ein klassisch geschnittenes, helles Tweedjackett mit
schmalem Revers und aufgepolsterten Schultern nach der Mode der Zeit,
darunter eine dunkle Bluse mir V-Ausschnitt, die sittsam ihren Busen
bedeckt. Ihr lockiges dunkles Haar ist über der Stirn zu einer großen
Welle hochgefegt, ebenfalls nach der Mode der Zeit. Mein älterer Bruder
scheint sich hinter dem künstlich breiten mütterlichen Rücken wohl und
sicher zu fühlen. Links neben ihm in der zweiten Reihe: mein Vater. Auch
er im Jackett. Allerdings ist sein Sakko dunkler und nicht so neu ist
wie das Jackett meiner Mutter. Darunter trägt er einen Pullunder, ein
weißes Hemd und eine gestreifte Krawatte mit Knoten. Die Position meines
Vaters ist hervorgehoben. Er überragt seine Familie um Kopfeslänge und
blickt versonnen (gottergeben?) nach vorn in die Zukunft.
Mein
Vater war damals ein junger Mann von Mitte dreißig. Er war seit über
einem Jahr aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und fuhr nachts
manchmal noch immer schreiend aus dem Schlaf hoch. Unmittelbar nach
seiner Rückkehr sei dies oft vorgekommen, erzählte meine Mutter. Die
unvorstellbare Brutalität des Krieges hat meinen Vater lange gequält.
Entsetzliche Bilder und Ängste verfolgten ihn. Und Schuld. Wir
haben das zugelassen! Wir haben das mitgemacht! Er fühlte
sich tief schuldig wegen der unvorstellbaren Katastrophe, die das
Nazi-Regime und der Krieg angerichtet hatten: 60 Millionen Tote
weltweit, sein jüngerer Bruder Pal vor Stalingrad gefallen, sein Vater
von den Nazis ermordet. Außerdem unerhörte Zerstörungen: nicht nur
Häuser, Dörfer, Städte, Länder und das Hab & Gut von Millionen lagen in
Schutt und Asche. Auch das Leben und die Seelen der Überlebenden waren
verwüstet und ihre Beziehungen auf Jahrzehnte vergiftet. (Die Läuse in
den Haaren ihres Mannes und seine Krätze kann meine Mutter rasch
beseitigen, bei seinen seelischen Verletzungen gelingt ihr das nicht.)
Der Krieg
hat meinen Vater verändert. Er ist jetzt verschlossen, erzählt wenig,
will seine Ehefrau und die Kinder mit dem Grauen, das er erlebt hat,
nicht belasten. (Wenn meine Mutter aufrichtig ist, will sie von all den
Gräueln auch nicht mehr als unbedingt nötig wissen!) Tagsüber muss er
stark sein. Er ist der Mann, Vater von drei kleinen Kindern,
Familienoberhaupt, Ernährer und Haushaltsvorstand (das
Familienrecht jener Zeit definierte die Rolle des Ehemanns noch so).
Ich muss Geld verdienen! Muss Frau und Kinder ernähren!
Sein Vater war nach dem
Ersten Weltkrieg unter der Last seiner Kriegserlebnisse
zusammengebrochen und krank geworden. Ich werde nicht krank!
Das Geschäft braucht wieder meine männliche Führung! (Zwei seiner
drei Onkel, die in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts
Gebr.Sosnowitz aufgebaut hatten, sind tot. Sie wurden nach der
Befreiung von Auschwitz von Soldaten der Roten Armee ohne
Gerichtsverfahren erschossen. Der dritte, ein Antifaschist, floh
daraufhin nach Westdeutschland.)
Doch nachts, wenn es dunkel ist, fühlt mein Vater sich schwach. Er
schmiegt sich an seine Ehefrau, sucht ihre Zärtlichkeit, ihren Trost,
ihren schützenden weiblichen Schoß - als wolle er sich darin vor all dem
Entsetzlichen, das er überlebt hat, verkriechen. Fast wird er wieder zum
Kind, wenn er schreiend aus seinen Albträumen auffährt. Sein Schreien
weckt das Baby im Bettchen neben dem Ehebett (mich!). Daraufhin fange
auch ich an zu schreien. Transgenerationelle Traumatisierung.
Während der
Abwesenheit meines Vaters führte meine Mutter das Familiengeschäft
(unter der wohlwollenden Oberaufsicht der drei Onkel). Es machte ihr
Spaß. Sie arbeitete hart und hatte Erfolg. Zeigte, was sie konnte.
Blühte. Doch jetzt soll ich die Geschäftsleitung wieder ihm
überlassen! Ich soll mich zurücknehmen! Soll mich auf meine Aufgaben als
Mutter und Ehefrau konzentrieren, sagt er. Sie hat inzwischen drei
Kinder geboren (auch den Stammhalter!), hat sie ernährt, gekleidet,
ihnen die schöne große Wohnung erhalten, die meine Eltern sich bei ihrer
Heirat einrichteten. Darüber hinaus hat sie vier ihrer sieben Schwestern
sowie deren insgesamt fünf Kinder bei sich aufgenommen und durch den
Krieg gebracht. Ich habe zahlreichen Menschen Brot und Arbeit
gesichert und dafür gesorgt, dass alles wie am Schnürchen lief!
Ich bin eine Ernährerin! Ich bin wichtig! Doch jetzt soll ich
wieder in die zweite Reihe zurück! Soll mich wieder den drei alten
weiblichen Ks:Kinder/ Küche/ Kirche widmen! Aber ich kann mehr!
Mein Vater übernimmt wieder die Geschäftsleitung. Die Arbeit
hilft ihm, seine Kriegserlebnisse zu verdrängen. Meine Mutter ist in
einem Konflikt: Sie liebt ihren Ehemann. Inzwischen empfindet sie es
jedoch als Zumutung, sich ihm unterzuordnen. Sie ist jünger als er,
gewiss. Doch während seiner Abwesenheit hat sie neue Kräfte in sich
entdeckt und ist selbständig geworden. Ihr Erfolg hat sie selbstbewusst
gemacht. Sie fühlt sich ihrem Ehemann ebenbürtig. Nun soll sie ihr neues
Können jedoch verleugnen. Meine Eltern sind seit sieben Jahren
verheiratet und zum ersten Mal streiten sie (das verflixte siebte
Jahr?). Ist meine Mutter deshalb so unkonzentriert und unwillig, wenn
sie mich stillt? Damals konnte ich
ihren Konflikt noch nicht verstehen. Ich fühlte nur ihren Zorn. Dessen
Heftigkeit mir Angst machte. Meine Angst wird so groß, dass mein Darm
komplett seinen Dienst verweigert und verrückt spielt.
Warum meine Eltern
nicht auf den Gedanken kamen, ihr Geschäft gemeinsam zu führen? De facto
haben sie es wohl getan. Denn mein Vater brauchte die
Leistungsbereitschaft, das Können, die Verlässlichkeit, den erlesenen
Geschmack, den Unternehmungsgeist und den Optimismus meiner Mutter. De
jure lag die Geschäftsleitung jedoch allein in seinen Händen. Zwar
führte meine Mutter inzwischen den Titel ´Kassiererin´ (eine wichtige
Position in jedem Geschäft, obwohl es bald nichts mehr zu kassieren gab,
weil die Gewerbesteuer auf über 90 Prozent erhöht wurde, und meine
Eltern ihr Geschäft schließen mussten). Den Gedanken an eine Karriere
als Pianistin hatte meine Mutter zu der Zeit schon vollständig
aufgegeben. Statt Kunst & Karriere spielten jetzt die vier Ks:
KinderKasseKücheKirche die wichtigste Rolle in ihrem Leben. Und
vielleicht war sie in diesen von Hunger, Not und Stalinismus geprägten
Jahren mit dieser Wendung der Dinge nicht ganz unglücklich. Doch ich
spüre damals zum ersten Mal, dass ich meinen Verstand gebrauchen muss,
wenn ich überleben will. Ich bekomme Zähne und lerne sprechen.
In jenem cremefarbenen Kinderbettchen habe
ich auch gelernt, meine Ausscheidungen zu kontrollieren.
Irgendwann gehorchten die Schließmuskeln von Blase und Darm meinem
Willen und Windeln wurden überflüssig. Längst hat meine Mutter das
Windelnwechseln und –waschen ihrer jüngeren Schwester überlassen.
Vollgekackte Babywindeln sind unangenehm, stinken. (In den polnischen
Fünfzigern gab es keine Pampers!) Mein älterer Bruder nennt uns jüngere
Geschwister Stinktiere. Bin ich wirklich ein übelriechendes
kleines Scheusal? Aber ich möchte doch gern gut riechen! Außerdem will
ich meiner Mutter, die ich über alles liebe, keine unnötige Arbeit
machen. Zwar mag ich es furchtbar gern, wenn sie die kleine
Spalte zwischen meinen Beinchen mit Babyöl säubert. Sie ist dabei so
zärtlich und zart. Inzwischen tut sie das jedoch nie mehr. Sie müsse
sowieso schon sooo viel arbeiten, sagt sie. Und da ich auch Tante Erma,
die für uns kocht, putzt, wäscht und immer für uns da ist, nicht lästig
fallen will (sie ist meine zweite Mama, nur ein bisschen kleiner,
zarter, jünger), werde ich früh sauber wie die meisten kleinen Mädchen.
Blitzsauber. Säubern. Ethnische Säuberungen. Stalins Große
Säuberungen: Verräter entlarven! Saboteure aufspüren! Volksschädlinge
liquidieren! Falsche Geständnisse mittels Folter erpressen!
Schauprozesse inszenieren! Oppositionelle in Gulags begraben! Terror &
Angst verbreiten! / Professor Unrat. Der Untertan. Der Übermensch.
Völkische Säuberungen.
Rassenhygiene! Die arische Rasse. Untermenschen ausrotten! (Noch besser:
sie versklaven!) Ungeziefer vernichten! Angst & Terror verbreiten!
Natürliche Zuchtwahl. Eine rassige schwarzhaarige Schönheit. Eine
arisierte schwarze Schönheit. (Korrupte) Eliten. Erwählte! Halbblut.
Mischling. Eine reinrassige deutsche Dogge. Köter! Dumme Kuh! Mieses
Schwein! Dämliche Ziege! Blöder Hammel! Falsche Schlange! Rindvieh!
Kamel! Ochse! Affengesicht! Pfui Spinne!
Du Sau du!
Bestialisch ermordet. Vernichtungskrieg im Osten. Bestie. Mensch.
Bestiemensch. - Wir haben einen Hund. Er heißt Rick und passt auf uns
auf, wenn mein Vater nicht da ist. Sein Bellen grollt tief und mächtig.
Er ist größer als ich und manchmal habe ich Angst vor ihm. Die Zähmung
von Wildtieren. Der dressierte Pudel. Arthur Schopenhauer hatte einen
Pudel. Des Pudels Kern. Das Tier in uns. Säugetier. Alphatiere. Wo Es
war, soll Ich werden. Dressur oder Erziehung? Schlagrituale und
ihre gesellschaftliche Funktion. Überwachen & strafen! Erziehung zur
Mündigkeit. Spiel mit mir! Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Reines
Hochdeutsch. Das unreine Tier. Von Bakterien zersetzt riecht
menschlicher Schweiß nach Buttersäure. Butterstinker!
Dreckschwein! Das Schwein: der Allesfresser. Wir Menschen sind
Allesfresser. Erst kommt das Fressen, dann die Moral! Die reinigende
Kraft des Wassers. Reinemachefrau. Im selbstgewählten Exil in Triest
musste Nora Joyce als Wäscherin arbeiten. Dreck wegmachen ist
(Haus)Frauen-arbeit. Müllmänner. Im/mit Dreck spielen. Jeder Mensch
liebt seine eigenen Fürze (W.H.Auden). Anne Geneviève de Bourbon-Condé,
Herzogin von Longueville, war berühmt für ihre Schönheit aber auch für
ihre Unsauberkeit und ihren strengen Körpergeruch. Der Gestank der Welt.
Das Parfum. Jean-Baptiste Grenouille.
Deodorant. Analerotik. Analsadismus. „Wer die Rut spart, hasst seinen
Sohn/ wer ihn liebt, nimmt ihn früh zur Zucht.“ (Tot)Prügeln.
Totgeprügelt werden. Ein sadistisches Über-Ich. Ich scheiß dich zu mit
meinem Geld! Geld war kein Kinderwunsch. Global Player. Als Kind spielte
ich gern mit Plastilin und bunter Knetmasse, stapfte durch Pfützen und
liebte den sahnigen Schlamm an den Pfützenrändern. Ferkel! Schmutzfink!
Unsere Ontogenese wiederholt die Phylogenese.
Mein Vater ist viel unterwegs und nur abends und sonntags zu
Hause. Er muss Geld verdienen, damit wir etwas zu essen haben. (Kann man
Geld essen?). Geldverdienen ist schwer, anstrengend. Mein Vater sieht
ganz verhungert aus. Einmal kommt er früher als erwartet nach Hause und
sieht, wie Tante Erma Essensreste in den Abfall wirft. Da stürzt er
fassungslos aus dem Haus und will sich vor den Zug werfen. Meine
Schwester muss ihm nachlaufen und ihn nach Hause zurückholen. Wir sind
arm. Mein Vater schindet sich für jeden Bissen Brot. Er war sogar im
Gefängnis, weil er gegen die kontraproduktive Enteignung und
Zwangskollektivierung der Bauern, die doch das Brotgetreide für uns
produzieren, prozessiert hat. (Mein Vater war sozusagen ein früher
Vertreter der bäuerlichen und Gegner der industriellen Landwirtschaf,
wie sie in den entstehenden LPGs/ Kolchosen/ Sowchosen des Ostblocks in
den Fünfzigern durchgesetzt wurde.) Unser tägliches Brot gib uns heute.
Bitte, bitte, lieber Gott, gib uns Brot, damit mein Vater sich nicht vor
den Zug wirft!
Obwohl er so viel und so hart arbeitete,
freute mein Vater sich, dass es mich gab. Mehr als meine Mutter. Er ist
jetzt Leiter der Genossenschafts-zentrale Samopomoc chłopska
(Menschliche Selbsthilfe) in Opole. Wenn er abends nach Hause kommt,
wirbelt er mich zur Begrüßung durch die Luft und ich darf auf seinem Arm
sitzen. Ich bin genauso groß wie er und sehe in seine Augen, die
leuchten, und küsse seine Wangen (die kratzen). An den Wochenenden
unternimmt er viel mit uns: im Sommer wandern wir durch Wiesen und
Felder zu Freunden meiner Eltern, die auch Kinder haben, in ein
Nachbardorf. Mein Vater trägt mich huckepack. Er lacht und singt, ist
fröhlich und jung (er muss nicht arbeiten!). Wir gehen auch zusammen
schwimmen, musizieren, besuchen Konzerte und eine Vorstellung des
berühmten Clown Grock, der in der ersten Hälfte der 50er Jahre
eine Polen-Tournee machte. In den Schulferien fahren wir mit dem Zug
nach Dobrodzień, wo das Stammhaus der Familie steht, und mit dem Fahrrad
zum Winski-Kanal, wo ich lerne, unter den herabstürzenden Wassern
eines Wasserfalls hindurch zu laufen. Im Winter bauen wir Schneemänner,
fahren Schlitten, rodeln (każeln) und ich zeichne mit Armen und
Beinen polnische Adler in den lockeren Neuschnee. Auf den zugefrorenen
Teichen und kleinen Wasserläufen rund um Chmielowice bringt er uns das
Schlittschuhlaufen bei (ich lerne es nie!). Mein Vater liebt das Leben.
Und er liebt seine Kinder. Von ihm fühlte ich mich
angenommen.
Aber er ist anders als meine Mutter: ernster, strenger, ferner. Und
seine Liebe schmeckt nicht so süß. Ich musste mich an meinen Vater und
seine Liebe erst gewöhnen. Da meine Mutter sich mir aber nur zuwandte,
wenn es unbedingt nötig war, z.B. wenn ich krank war, akzeptierte ich
schließlich meinen Vater und seine Liebe.
Körperlich wird mein Vater mir nie so nah sein wie meine Mutter (in der
Pubertät hatte das auch sein Gutes!). Seelisch ist er mir jedoch überaus
nah. Er liebt die Geige, also erlerne ich das Geigenspiel. Er ist
wissbegierig und intelligent. Also werde ich ein intelligentes,
wissbegieriges Kind. Meine Mutter spielt Klavier. Doch Klavier
interessiert mich damals nicht. Mit seinen dummen schwarz-weißen Tasten
ist es groß und plump und schwer. Seine Töne klingen prosaisch und
metallisch und irgendwie imperialistisch, als wolle es alle anderen
Instrumente dominieren! Geigenmusik dagegen ist süß und schmelzend,
manchmal zart, manchmal herrlich wild (wenn Zigeuner aufspielen!), immer
poetisch. Auch gibt es große und kleine Geigen wie in einer Familie und
sogar ganz winzige (der Clown Grock hatte eine!). Ihr Klangkörper ist
aus feinem honigfarbenen Holz mit einer Taille wie Frauen sie haben.
Wenn man über ihre Saiten streicht, kann man ihnen wundervolle Melodien
entlocken (Zigeuner können es!).
Ich lerne, meine Mutter als Liebesobjekt aufzugeben. Sie hat mir das
Leben geschenkt und will, dass ich lebe. Das ist viel. Doch ihre Gefühle
für mich wechselten: mal war sie zärtlich und einfühlsam und tat alles,
damit es mir gut ging. Dann war ich ihr kleines blondes Mädchen, dem sie
zulächelte. Sobald ich jedoch wieder gesund war, fröhlich umherhüpfte
und meine kleine Welt in Ordnung war, entzog sie mir ihre Aufmerksamkeit
und hatte Wichtigeres zu tun. (Was ist wichtiger als ich?) Eben
noch war die Welt wunderbar. Jetzt stürzt sie zusammen und ich falle ins
Nichts. Heiß-kalt. Meine Mutter setzt mich einem Wechselbad der
Gefühle aus, das mich verletzt. Ich fühle mich missachtet, auch
unerwünscht (obwohl meine Mutter stets betonte, alle ihre
Kinder seien erwünschte Kinder gewesen). Herzeleid. Wut. Guten
Tag, ich bin furchtbar wütend auf meine Mutter und habe Jahrzehnte
gebraucht, um das zu verstehen und auszusprechen. Liebe. Trauer. Hass.
Ambivalenz.
Als ein
gekränktes Kind war ich natürlich oft krank. Ich hätte als Baby viel
geschrieen, erzählte meine Mutter. Ja, ich schreie. Aber meine
Mutter hört mich nicht. Ist sie taub? Oder teilt sie die verbreitete
irrige Meinung, Kleinkinder müssten schreien, weil das ihre
Lungen kräftige? Oder hört sie mein Schreien, will es jedoch
nicht hören? Warum hat sie mich dann in die Welt gesetzt, wenn ich ihr
lästig bin? Meinem Vater bin ich nicht lästig. Er nennt mich Baśek
und ich bin sein kleiner Junge (obwohl ich ein Mädchen bin, doch das
bleibt unser Geheimnis!) Brüllen um Gehör zu finden...
Den
Gefühlsturbulenzen und Dramen meiner frühen Jahre entsprachen
dramatische äußere Lebensumstände. Meine künstlerisch hochbegabte Mutter
zog damals nicht nur ihre sieben Kinder groß, sondern auch Küken,
Kaninchen und jenes kleine Schwein. Ich muss eine Ziege hüten, die meine
Mutter anschafft, weil Ziegenmilch sooo gesund ist. (Ich finde, sie
stinkt!) Irgendwann werden diese Tiere geschlachtet und gegessen.
Entsetzlich! „Aber wir müssen
doch etwas essen!“ verteidigt sich meine Mutter, wenn ich sie anklagend
anschaue, weil sie einer Gans, die unsere Weihnachtsgans werden soll,
mit einem Beil den Kopf abschlägt. Das Töten der Tiere erschreckt und
beunruhigt mich. Aber ihr Fleisch schmeckt mir gut. Doch unsere
Kaninchen werde ich nie nie niemals essen! Das verspreche ich euch! Der
Anblick der blutigen, enthäuteten kleinen Körper, die noch vor kurzem
meine Spielgefährten waren, schockiert mich. Meine Mutter ist eine
Mörderin! Auch das Schicksal der zauberhaften kleinen Küken mit ihren
Streichholzbeinchen, die sie in der Backröhre ausbrütet, berührt mich.
Als ausgewachsene Hühner legen sie eine Zeit lang Eier für uns und
landen dann ebenfalls im Kochtopf.
In meiner Kindheit regierte das Chaos (ein kreatives,
fruchtbares Chaos! Und muss man nicht noch Chaos in sich
haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können? / F. Nietzsche).
Seine Herrschaft äußerte sich u.a. darin, dass der Warmwasserofen im
Badezimmer kaputt war und nicht repariert wurde, weil niemand im Dorf
das konnte, und weil Ersatzteile fehlten. Unser wöchentliches Vollbad
nehmen wir wie zu Großmutters Zeiten in einer kleinen Zinkwanne. Kurz
vor Weihnachten, im Dezember, schwimmt dann plötzlich ein Karpfen in der
Badewanne im Bad. Ich bin entzückt. Weniger entzückt bin ich, als der
Fisch mit einem Schlag auf den Kopf getötet, dieser abgeschnitten, sein
Rumpf geschuppt, seine Eingeweide entfernt werden und wir ihn
Heiligabend zusammen mit einer köstlichen Sauce aus Lebkuchen und
Rosinen serviert bekommen. Der Keller des
Hauses, in dem wir wohnen, steht unter Wasser, weil die Kellertüren
nicht schließen und der Regen reinläuft. Werden wir hinunter geschickt,
um Kohlen, Kartoffeln, ein Glas mit eingemachtem Kompott oder Sauerkraut
aus dem Holzfass zu holen, waten wir durch knöcheltiefes Wasser oder
springen von Ziegelstein zu Ziegelstein, die in zu großen Abständen
ausgelegt sind. Es ist so dunkel, dass ich mich fürchte. Aber das
elektrische Licht im Keller wird niemals repariert.
Vor dem Krieg waren meine Eltern wohlhabend
gewesen. Wir wohnten in einer großen, schönen Wohnung (an die ich mich
nicht erinnern kann, aber alle sagen es) in einem großen Haus, das der
Familie gehörte. Jetzt haben
sie ihre wirtschaftliche Existenz verloren. (Was ist das:
wirtschaftliche Existenz?). Uns gehört nichts mehr. Wir wohnen zur Miete
bei polnischen Vermietern, die ihr Haus, eine polnische Villa
Kunterbunt, selbst erst kurze Zeit ihr eigen nennen. Sie haben keine
Erfahrung als Hausbesitzer. Sie sind auf Befehl Stalins aus
Lwiw/Львів-Lwów-Львов/Lvov-Lemberg-Leopolis in Ostpolen, das jetzt nicht
mehr Ostpolen ist sondern Russland, nach Chmielowice/Sląnsk in
Westpolen gezogen. Vor dem Krieg
gehörten meine Eltern zur deutschen Mehrheit in Schlesien. Jetzt sind
Deutsche hier in Sląnsk eine Minderheit (für mich ist das nicht schlimm,
ich kann Polnisch, zu mir sind alle freundlich, obwohl ich ein
Kind von Deutschen bin!). Vor dem Krieg waren meine Eltern erfolgreiche
Kaufleute. Sie sind an selbständiges Wirtschaften und Arbeiten gewöhnt.
Für sie ist es selbstverständlich, eigenverantwortlich zu handeln,
Initiative zu entwickeln und Eigentum pfleglich zu behandeln. Doch jetzt
müssen sie in einem planwirtschaftlich-zentralistischen
Genossenschaftswesen lohnabhängig und weisungsgebunden arbeiten - für
einen Hungerlohn.
Mein Vater stand der Idee des Sozialismus
nach dem Krieg nicht feindlich gegenüber. Er war gläubiger Katholik. Das
Gebot der Nächstenliebe, die christliche Lehre, dass vor Gott alle
Menschen gleich sind, sowie das Subsidiaritätsprinzip waren ihm
vertraut. Zwar lehnte er den zwanghaften Atheismus der Kommunisten ab.
Aber meine Eltern kamen beide aus großen, kinderreichen Familien.
Gemeinschaftsdenken & -leben sowie tätige Nachbarschafts-hilfe in Zeiten
der Not waren selbstverständlich für sie. Die Kriegszerstörungen und
Bevölkerungsverluste Polens waren riesenhaft. Es lag auf der Hand, dass
der schwierige Wiederaufbau des Landes nur durch große gemeinsame
Anstrengungen aller zu bewerkstelligen sein würde. Doch als fähiger und
guter Kaufmann sah mein Vater bald auch die Schwächen des
sozialistischen Systems, das durch die von den Kommunisten rigoros
betriebene Sowjetisierung der polnischen Wirtschaft und den
stalinistischen Terror zusätzlich belastet wurde.
In einem dieser harten Jahre kommt mein
jüngerer Bruder zur Welt. Der Kleine ist ja sooo krank! (Jo erkrankte
bald nach seiner Geburt lebensbedroh-lich an Scharlach.) Seit er da ist,
bin ich bei meiner Mutter komplett abgemeldet. Warum macht sie ein
solches Trara um den Kleinen? Krank war ich auch schon: eine schwere
Darminfektion, eitrige Mandelentzündungen/Anginen jede Menge,
Windpocken, regelmäßige Erkältungen, Keuchhusten, Mumps, wieder und
wieder Bronchitis, Grippe, Mangelgeschwüre an den Beinen – sämtliche
Kinderkrankheiten rauf und runter. Also - welchen ver-dammten
Unterschied gibt es zwischen meinem Bruder und mir? Es gibt
einen: dort, wo ich mein Schneckchen habe, hat der Kleine einen Zipfel,
der wie ein Gießkännchen aussieht. Da kommt sein Pipi raus. Den habe ich
nicht. Aber sonst? Ach ja, und ich bin auch älter als er und kann schon
sooo viel mehr als der Winzling!
Ob ich eifersüchtig war? Vermutlich war ich es. Ich
kann mich an meine Gefühle jedoch nicht erinnern. Ich erinnere mich nur,
dass das Bürschchen in dem Bettchen, das noch kurz zuvor mir gehörte,
(inzwischen schlafe ich in einem großen Doppelbett mit Holzschnitzereien
neben meiner großen Schwester), leise vor sich hin wimmerte, dass sein
Körperchen über und über mit roten Flecken bedeckt war, und dass ich
Mitleid mit dem kleinen kranken Wicht hatte.
Meine
Fähigkeit, unangenehme Gefühle zu verdrängen, funktionierte schon
damals. Denn auch an andere negative Gefühle, die ich in jenem Jahr
gehabt haben muss, erinnere ich mich nicht mehr. Kurz vor Jos Geburt
waren wir von Zabrze nach Chmielowice gezogen. Zabrze ist mein
Geburtsort, auch wenn in meinem Pass Hindenburg steht.
(Hindenburg – wo ist das denn???!!!) Der Verlust des Ortes, wo
ich zur Welt kam, wo ich laufen und sprechen lernte, die erste feste
Mahlzeit zu mir nahm, zum ersten Mal jemanden anlächelte, die erste
Treppe meines Lebens erklomm, ersten Eigensinn spürte usw. muss
schmerzlich für mich gewesen sein. Gerade hatte ich damit begonnen, mir
meine Umgebung vertraut zu machen, da verschwand sie, und ich musste an
einem fremden Ort von vorn anfangen. Niemand fragte mich, ob ich das
wollte. Meine Eltern zogen einfach fort und nahmen uns Kinder mit.
Wir kehren niemals zurück! Wir werden all das nie wiedersehen! Etwas
Furchtbares ist geschehen! - WAS ist geschehen, Mama? - Wir haben
alles verloren! Man hat uns alles genommen! - WIESO haben wir alles
verloren? - Das erkläre ich dir, wenn du groß bist. –
Moooment! Wir haben alles verloren? Wieso wir? Ihr
habt alles verloren! Ich war während des Krieges noch gar nicht auf der
Welt. Ihr habt eine Meute größenwahnsinniger Massenmörder ihr
mörderisches Spiel spielen lassen! WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG??!!
- Das verstehst du noch nicht! – Oh, ich bin zwar noch
klein aber nicht dumm. Ich weiß schon, was Gewalt ist. Das ist, wenn ein
Stärkerer mich verprügelt! – Was hätten wir denn tun sollen? Wenn du
etwas dagegen gesagt hast, wurdest du standrechtlich erschossen! Das
waren Mörder! (die väterliche Version der Antwort) – Man hätte
desertieren können! (meine Antwort) – Und uns Frauen den Russen
ausliefern?? (die mütterliche Version der Antwort) Außerdem will
ich jetzt nicht mehr darüber reden! (ebenfalls meine Mutter). Also
schweigen wir.
Der Umzug
von Zabrze nach Chmielowice muss ein Verlust für mich gewesen sein, der
mich verunsicherte und zornig machte. Zwar war ich mit einem Teil meines
kleinen Ichs sicher auch neugierig und freute mich auf das Neue, denn
ich erlebe gern Neues. Ein anderer, tieferer Teil von mir, in dem meine
Angst vor Veränderungen sitzt, muss jedoch voller Trauer gewesen sein
(janusköpfig – ich bin im Januar geboren!).
Und so tat ich dem Ort an, was mir angetan wurde:
ich ließ ihn verschwinden. Tilgte ihn aus meinem Gedächtnis: die schöne
Wohnung, das große Geschäft, das weitläufige Haus mit dem Innenhof, den
Admiralspalast gegenüber (von Onkel Gottwald miterbaut) usw. Zusammen mit dem
Ort löschte ich auch meine ersten drei Lebensjahre aus (Raum & Zeit sind
laut Einstein ein Kontinuum). Ich erinnere mich buchstäblich an nichts
mehr: an keinen Geruch, keinen Geschmack oder Duft von Essen, keine
Stimme oder Melodie, kein Vogelgezwitscher in den Bäumen des Innenhofs,
auf den die Fenster der Wohnung hinausgingen (2006 sah ich diesen
Innenhof zum ersten Mal), nicht an den ersten Sommer meines Lebens und
auch an keins der vielen Gesichter, die es in meinen ersten drei
Lebensjahren um mich herum gegeben hatte. Nichts. Obwohl die
Wissenschaft herausgefunden hat, dass das Ausmaß der sogenannten
infantilen Amnesie bei Mädchen geringer ist als bei Jungen. Frauen
haben deutlich mehr frühe Kindheitserinnerungen als Männer, vermutlich,
weil Mütter mit Töchtern öfter und ausführlicher über alltägliche
Erlebnisse sprechen als mit Söhnen. Doch meine Mutter sprach kaum mit
mir. Und so blieb mein Schmerz über den ersten großen Verlust meines
Lebens in mir stecken. Ich konnte ihn nicht ausdrücken. Verschwunden.
Verschwinden. Verschwindet! Dorthin, wo ihr hergekommen seid! -
Am besten, auch ich verschwinde wieder, dorthin, wo ich hergekommen bin!
Doch woher komme ich?
Ein Jahr nach der Geburt meines jüngeren Bruders erkrankte ich an
Schwindsucht. Tuberkulose/Tbc/die weiße Pest. Eine polnische Ärztin
diagnostizierte Schatten auf meiner Lunge und wies mich umgehend in ein
Präventorium ein. Das war ein altes Schloss mit honigfarbenen
Lärchenholz-Täfelungen in der Eingangshalle, (an die ich mich sehr gut
erinnere), das nach dem Krieg zu einem Kindergenesungsheim
umfunktioniert worden war. Die Trennung von
der Familie tat mir gut: von meiner Mutter und den wilden,
widersprüchlichen Gefühlen, die sie in mir auslöste, von meinem
prügelnden älteren Bruder, von meinem jüngeren Bruder, um dessen Leben
meine Mutter so aufopferungsvoll kämpfte (ihn rettet sie, mich
opfert sie!), von dem Hunger, der Kälte (in jenen Jahren mangelte es an
allem, auch an Brennmaterial), der fremden neuen Umgebung, an die ich
mich gewöhnen musste aber nicht wollte, den neuen Vermietern, die ebenso
viel Angst vor uns hatten wie wir vor ihnen usw. Ich blieb drei Monate
in dem Schloss, dann waren die Schatten verschwunden und meine Eltern
durften mich wieder nach Hause mitnehmen. Aber eine seltsame
Atemlosigkeit blieb in mir zurück. Sie erinnert mich bis heute
daran, dass ich mit dem schweren, harten, dicken Klumpen aus ungeweinten
Tränen, Zurückweisungen, Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit, Traurigkeit,
Liebe und Hass, der seinen dunklen Schatten auf meine Lunge warf, bis
auf weiteres nur einen Waffenstillstand geschlossen habe. Auch ein Traum
verfolgte mich seither hartnäckig: darin stürzte ein brennendes Haus in
sich zusammen. Der Traum kam immer wieder, bis weit in meine
Erwachsenenjahre hinein. Irgendwann verschwand aber auch er.
Was aus jenem
kleinen Schwein geworden ist? Ich weiß es nicht. Vermutlich
wurde es gegessen. Wenn ich sie demnächst sehe, werde ich meine ältere
Schwester danach fragen. Aber vielleicht gelangte das Schweinchen auch
auf anderem Weg in den kosmischen Tanz der Verwandlungen.
Für mich ist es
zum Glücksschwein geworden. Ich bin gesund, lebe, tanze mit im
kosmischen Reigen (einige Zeit nach meiner Rückkehr meldete mein Vater
meine Schwester und mich zum Ballett- & Geigenunterricht in der
Musikschule in Opole an) und lasse alles Schwere hinter mir. |
Weitere Arbeiten:
- Flugangst Roman. Oktober 2002. Erschienen im PRINCIPAL Verlag / Münster.
- Atanea oder der sechste Kontinent. Erzählungen.
- Aurora im Morgenlicht oder Der schweinchenrosa Roman. Roman. (In Arbeit)
- Gibraltar, Gedichte. 2010