Barbara Ch. Jakob
   

 

       
         
Wer/was bin/war ich?    01         
     

 

     

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Überlebenskünstlerin   einr Überlebende    
         

08 09 10

         

Reisende:
Der Weg ist das Ziel.

  Der Weg ist das Ziel.              
         
         
berufstätig  
berufstätig
   
         
ein Rätsel   ein Rätsel    
         
aus der Fieberkurve   11    
         
   
manche Möglichkeiten

eine Wirklichkeit

   
         
Woher komme ich?  

   
         
aus der Zeit
aus dem Süden
aus dem Norden
aus dem Osten
aus dem Westen
aus meiner Mutter
aus meinem Vater
kommentarlos
         
Wohin gehe ich?  


 

   
       

On the road again oder Wo bitte geht´s nach Taos Pueblo?

Unsere Wünsche sind die Vorboten der Fähigkeiten, die in uns liegen.
J.W. von Goethe

Er macht Musik („Mucke“), er sitzt auf der Straße. In seiner dunklen Jacke verschmilzt er fast mit dem Asphalt, auf dem er sich niedergelassen hat. Anfangs spielte er auf einer Gitarre und sang leise dazu. Doch die Vorübergehenden warfen kaum Münzen in den bereitgestellten Becher. Also hörte er auf zu singen und packte seine Gitarre wieder in den Kasten. Und Seltsames geschah: jetzt landeten mehr Münzen in seinem Becher als zuvor. Was ist los mit uns Deutschen? Mögen wir keine Musik mehr? Wir waren mal das Volk von Beethoven/ Bach/ Mozart/ Clara & Robert Schumann! Die drehn sich jetzt im Grab um! Denn dieser Mann kann Gitarre spielen. Und er singt auch gut.

     Seine Mutter habe ihn rausgeworfen, erzählt er, mit neunzehn. So habe es angefangen mit seinem Leben auf der Straße. Mutter Erde: dunkel & kalt. Yin & Yang. Der geerdete Mann. Madam, I´m Adam. Dich hat der Himmel geschickt, Erdmann. Hast so wenig Angst vor dem Leben. Ich werde ganz neidisch. Wir deutschen Normalos, die keine Musik machen und schon gar nicht auf der Straße, uns höchstens (kleine) Fluchten aus dem ordentlichen deutschen Alltag nach Mallorca, Italien, Teneriffa, Paris, Krakau, neuerdings auf die Malediven oder in den Elfenbeinturm genehmigen, uns flattern doch die Hosen & Röcke vor lauter Berührungsangst mit dem Leben! Pack deine Gitarre wieder aus, Fremdling. Ich will deine Lieder hören. Seine Freundin habe ihn verlassen, erzählt er. Er sei auch gefoltert worden, in Polizeigewahrsam. Folter in Deutschland? Ja, Folter in Deutschland. An die Wand gestellt, Beine breit und Finger in den Arsch, wieder und wieder. Aber er könne Ungerechtigkeit nun mal nicht ertragen. Man könne sich doch nicht ständig wegducken und immer nur Angst haben vor allem. Also habe er sich, als es hart auf hart kam, geprügelt. Mit der Polizei. In der ersten Reihe. Und Prügel bezogen. Aber müsse man sich denn nicht empören bei all den Missständen um uns herum?

     Natürlich sei er daraufhin im Knast gelandet. Und dann dort gefoltert worden. Seitdem regieren Schwarz und Grau seine Kleidung (auch seine Seele?). Manchmal, bei Regen, zieht er eine Kapuze über den Kopf wie ein mittelalterlicher Büßer. Büßt er? Wofür? Hat er Schuld auf sich geladen oder nur Schulden? Oder trauert er um eine verlorene Liebe? Will er jemanden rächen? Ein Künstler müsse jeden Tag neu seinen Vater töten, seine Mutter vergewaltigen und sein Land verraten - sagte einst der große Luis Buñuel. Er musste es wissen. Er kam aus Spanien. 

     Aufgelockert wird das Dunkle seiner Person von wenigen weißen Linien, etwa vom weißen Reiß-verschluss seiner schwarzen Kapuzenjacke. Auch seine stets frisch gewaschenen langen Haare bringen Farbe ins Grauschwarz seiner Kleidung. Und das seltene Lächeln in seinem Gesicht. Ich verliebe mich in sein Lächeln. Beim Sex gehe es um Macht, erklärt er mir und lächelt nicht. Welche Erfahrungen machte dieser Mann? Übrigens bettle er nicht, er „schnorre“ erklärt er trotzig in seinem Punk-Rocker-Jargon. „Betteln“ als Bezeichnung für seine Tätigkeit lehnt er als Beleidigung ab.

     Anfangs lagerte noch ein Hund neben ihm auf dem Bürgersteig. Inzwischen ist der Hund tot. Krebs. Ja ja, es sei schon ein Hundeleben, so ein Leben auf der Straße. Aber lieber arm dran als Arm ab – oder nicht? Er sei ein harter Hund. Doch jetzt sei er krank und arbeitsunfähig. Amtlich krankgeschrieben. Das habe er schwarz auf weiß. Deshalb sei er auch gezwungen zu schnorren. Die Grundsicherung reiche vorn und hinten nicht.

     Ich will wissen, wie es sich auf der Straße lebt, und frage ihn. Willst du nicht ein Buch schreiben über dein Leben? Die wenigsten Deutschen wissen, wie das ist: ein Leben ganz unten. Da schaut er mich mit einem langen Blick aus seinen schönen blauen Augen an, dreht sich gemächlich eine Zigarette aus Pueblo-Tabak und sagt, dass es schon so viele Bücher gebe. Bibliotheken voller Bücher! Wozu noch eins schreiben? Gute Frage, finde ich (ich bin Schriftstellerin). Übrigens lese er Bücher, durchaus. Im Moment Foucault. Dieser Mann liest Foucault? Er habe mal Philosophie studiert, erklärt er. Aber die Philosophie, wie sie an Universitäten gelehrt werde, sei enttäuschend. Langweilig. Ich pflichte ihm bei. Auch mich hat die universitäre Philosophie enttäuscht. Deshalb haben wir sie auch auf die Straße getragen, als ich studierte - wie einst Sokrates. Auf der Straße wird Verstaubtes manchmal wieder lebendig…

Bei einigen Pueblo-Indianern Nordamerikas, etwa den Tewa, stiegen die ersten Menschen aus der Unterwelt empor und reiften auf der Erde zu Menschen heran. Nach einer archaischen Periode als Jäger und Sammler ermöglichte eine feste und sichere Nahrungsquelle das dauerhafte Verweilen an einem Ort. Die ersten festen Häuser wurden gebaut. Diese waren halb unterirdisch angelegt und hatten etwa die Form eines Pyramidenstumpfs…

 

Weitere Arbeiten:

- Flugangst Roman. Oktober 2002. Erschienen im PRINCIPAL Verlag / Münster.

- Atanea oder der sechste Kontinent. Erzählungen.

- Aurora im Morgenlicht oder Der schweinchenrosa Roman. Roman. (In Arbeit)

- Gibraltar, Gedichte. 2012

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