Barbara Ch. Jakob
   

 

       
         
Wer/was bin/war ich?   Barbrodia          
     

 

     

             03 04 05 07

         
Überlebenskünstlerin   einr Überlebende    
 

Reisende:
Der Weg ist das Ziel.

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Woher komme ich?  

   
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Wohin gehe ich?  


 

   
       


Gnadentod

Er schlief noch, als sie kamen: ein wehrloser Mann, der in der Nacht wenig und unruhig geschlafen hatte. Immer wieder hatten ihn Albträume aus seinem dünnen Schlaf hochgejagt – als habe er gewusst, dass sie heute kommen würden. Als der Morgen graute, war sein dunkles Haar weiß. Sie setzten die Todesspritze sehr korrekt und sehr vorschriftsmäßig - als könne große Korrektheit ihre große Schuld mindern. Aber vielleicht war es auch ganz anders gewesen, vielleicht starb er nicht am tödlichen Gift aus einer Spritze. Denn wahrscheinlicher als sein Tod durch die Spritze ist sein Tod im Gaswagen. Er wurde vergast wie so viele. Die todbringenden Wagen waren schon ab Herbst 1939 zum Krankenmord im Einsatz gewesen.
    Sein Todeskampf hatte nicht lange gedauert, er war bereit gewesen zu gehen. Das bisschen Lebensmut, das er sich in den letzten Jahren zurückerobert hatte, war mit Ausbruch des neuen Krieges erloschen. Als sie ihn abholten, hatte er sich deshalb auch nicht gewehrt. Eigentlich war es ihm besser gegangen als damals, als sein Schreien begann (das er nicht mehr hatte kontrollieren können, sodass sie ihn in eine Anstalt einwiesen – sie: seine Ehefrau, seine Familie und sein Arzt). Tatsächlich hatte er während der Jahre in der Heil- und Pflegeanstalt ein bisschen Kraft sammeln können, sodass er schöne Briefe an seine Familie schreiben konnte. Warum also hatte er sich nicht gewehrt?
    Es war die hasserfüllte Hetze der Nazis gegen psychisch Kranke gewesen. Sie hatte sich mit Beginn des neuen Krieges verstärkt und der Hass war so stark geworden, dass er durch die Mauern der Anstalt und durch seine dünnwandige Besserung drang. Wieder wurde er verletzt. So sehr, dass er entmutigt aufgegeben hatte. Nicht mehr weiterkämpfen wollte.

    Begonnen hatte es mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. Um den „gesunden Erbstrom“ der „Volksgemeinschaft“ nicht zu schädigen, hatten die Nazis systematisch das „gesunde Volksempfinden“ mobilisiert. Eine wütende Propaganda gegen alles sog. „Asoziale“ setzte ein: es ging gegen Behinderte, Nichtseßhafte, „Arbeitsscheue“, Tuberkulosekranke, Alkoholiker, Landstreicher, Raufbolde - Nichtsnutze aller Art. Unter den Terminus „gemeinschaftsunfähig“ fielen Vorbestrafte, „Schwererziehbare“, Prostituierte, Verkehrssünder, Schizophrene, Ausländer, Rauschgiftsüchtige, Angehörige politisch Verfolgter und von Familien, aus denen ein Angehöriger sterilisiert worden war.

    Die genannten Kategorien dienten den Nazis zur Klassifikation der Bevölkerung, um all jene zu erfassen und der Euthanasie zuzuführen, die nicht dem „arischen Ideal“ entsprachen, aber auch nicht in die rassistische Schablone des „ewigen Juden“ passten. Da war von „getarntem Schwachsinn“ die Rede, unter den vor allem Fürsorgezöglinge fielen, und von „moralischem Schwachsinn“, womit vor allem unangepasste Frauen und Mädchen gemeint waren. „Asozial“ wurde zunehmend mit „psychopathisch“ ineinsgesetzt und lieferte so die darunter subsumierten Menschen dem „Gnadentod“ aus.
    Nichts hatte ihm genützt. Nicht, dass er ein Kriegsveteran war, und auch nicht, dass er fünf Kinder hatte, für die er sich, solange er arbeiten konnte, krumm gearbeitet hatte. In den Augen der nationalso-zialistischen „Volksgemeinschaft“ galt das nichts. Dieser Mann hatte kein Recht mehr gehabt, zu leben. Er hatte für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft und dabei seine Gesundheit ruiniert (in einem Schützengraben verschüttet, hatte er zwei Tage und zwei Nächte unter einem Haufen Erde, Dreck, Leichen und Granatsplitter gelegen, bevor man ihn mehr tot als lebendig herauszog).
Nicht nur, dass er für seine Verdienste ums Vaterland nicht geehrt oder wenigstens respektiert wurde. Nein. Er wurde sogar ermordet: seine Landsleute liquidierten ihn mitleidlos und penibel die Anweisungen von oben befolgend als „unnützen Esser“ und „lebensunwertes Leben“.


Weitere Arbeiten:

- Flugangst Roman. Oktober 2002. Erschienen im PRINCIPAL Verlag / Münster.

- Atanea oder der sechste Kontinent. Erzählungen.

- Aurora im Morgenlicht oder Der schweinchenrosa Roman. Roman. (In Arbeit)

- Gibraltar, Gedichte. 2012

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