Barbara Ch. Jakob
   

 

       
         
Wer/was bin/war ich?   Barbrodia          
     

 

     

             03 04 05 07

         
Überlebenskünstlerin   einr Überlebende    
 

Reisende:
Der Weg ist das Ziel.

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berufstätig  
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ein Rätsel   ein Rätsel    
         
   
manche Möglichkeiten

eine Wirklichkeit

   
Woher komme ich?  

   
Familienfeier   kommentarlos    
Familienfest   Familienfest    
aus der Zeit
aus dem Süden
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aus meiner Mutter
aus meinem Vater
kommentarlos
Wohin gehe ich?  


 

   
       


Habenichtse, Kiiiinstler & gescheiterte Existenzen oder Schlesische Lernprozesse

        Die Erinnerung ist die Schwester der Phantasie

                Kein Weg, den wir mit unseren Füßen gehen, läßt uns unverändert zurückkehren.
                                                                                                        Ingeborg Clarus, Opfer, Ritus, Wandlung

An einem Tag in einem Mai eines Jahres in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts packte ein junges Ehepaar seine sieben Kinder, die jüngere Schwester der Ehefrau und die letzten Habseligkeiten seines einst großen Vermögens in einen Zug nach Westdeutschland, wo ein neues Leben für sie anfangen sollte. Für mich begann damals ein interessantes Experiment.
    Seit dem 12.Jahrhundert waren Siedler in die entgegengesetzte Richtung gezogen - nach Osten: Kolonisten aus dem Flämischen und Mährischen, aus Sachsen, Franken, Thüringen, Hessen und anderswoher. Diese Siedlungsbewegung riss nie ab und später, als Martin Huska, der standhafte Prediger der Picarden, trotz Folter nicht widerrief und im August 1421 in Roudnice/Nordböhmen öffentlich verbrannt wurde, waren erste Glaubens-flüchtlinge nach Schlesien gekommen. Nach dem Wormser Edikt, das Luther 1521 mit der Reichsacht belegte, kamen Evangelische aus dem ganzen Reichsgebiet in das Land östlich von Neiße und Oder. Und im 17. Jahrhundert wanderten Hugenotten aus Südfrankreich erst nach Berlin und einige weiter nach Schlesien. Im 18.Jahrhundert, als der Bergbau aufzublühen begann und mit Arbeit und Geld lockte, kamen Ukrainer, Podolier, Moldavier.
„All diese Menschen aus dem Süden, Westen und Osten sind ein guter Genpool“, denkt Gabriela (von Familie und Freunden Bele genannt), „fehlt nur noch der Norden. Mit drei war ich hellblond. Irgendwo muss das doch herkommen. Mein Haar wurde erst später so dunkel.“ Diese Siedler, Kolonisten, Glaubensflüchtlinge und (Arbeits)Migranten hatten die Nase voll gehabt von Armut, Unterdrückung, Verfolgung und Ausbeutung, die sie in ihren Ländern erlebt hatten. Angetrieben von ihren schlechten Erfahrungen, Freiheitsdrang, Glaubenseifer sowie Verzweiflung und Hoffnung gleichermaßen hatten sie einen Neuanfang gewagt. Und da es nicht die Schlechtesten waren, die sich aufmachten – es waren Menschen voller Mut, Entschlossenheit, Harnäckigkeit, Zähigkeit, die arbeiten konnten und wollten (und es auch taten), hatte sich irgendwann Erfolg in ihrem Leben eingestellt.
„Hab ich das von ihnen?“ denkt Bele. „Auch ich nehme mein Leben gern selbst in die Hand.“ In der Fremde zu leben ist jedoch nicht einfach. Nicht alle Neuankömmlinge waren den Strapazen dieses entbehrungsreichen Lebens gewachsen. Manche brachen unter dem Druck der schweren und vielen Arbeit zusammen, wurden krank, starben. Einige wurden wahnsinnig. Doch andere überlebten und bauten sich ein neues Leben auf. Dann aber waren wieder Kriege über das Land hereingebrochen wie so oft im alten Europa. Und sie erschütterten das Leben der Neuwohner und Alteingesessenen. Wirbelten ihre Schicksale durcheinander. Warfen die Menschen aus ihren Bahnen.
„Von Krieg hab ich für immer die Nase voll“ denkt Bele. „Wieso gibt es überhaupt Kriege? Was ist gut daran, zu zerstören, was andere und man selber zuvor aufgebaut haben? Können Menschen ihre Konflikte nicht gewaltfrei lösen?"
     Beles Mutter wollte in ihrer Jugend Pianistin werden. Oder Sängerin. Am besten beides. Sie wurde keins von beidem, sie wurde Geschäftsfrau. So verdiente sie schneller eigenes Geld. Später heiratete sie auch einen Kaufmann, der nicht nur ein Ass in seinem Kaufmannsberuf war, sondern auch gut singen und passabel Klampfe spielen konnte. Er sprach gut Deutsch und gut Polnisch und sang gern polnische Lieder (als sie dann Kinder hatten, musizierten und sangen sie viel mit ihnen, besonders gern die schönen polnischen Lieder).
„Mein Geburtsland ist Śląnsk nicht Schlesien“, denkt Bele. „Schlesien war das Land meiner Eltern vor dem Krieg. Ich kenne es nur aus ihren Erzählungen und aus den Erzählungen von Tanten, Onkeln, Cousinen, Cousins sowie aus den Berichten von Freunden der Familie. Als Vierzehnjährige dachte ich, Śląnsk werde nur von Revanchisten und Mitgliedern der Vertriebenenverbände „Schlesien“ genannt. Das ist natürlich Unsinn. Schlesien ist schlicht die eingedeutschte Form des lateinischen Namens Silesia.“
Beles Mutter erzählt gern von Schlesien. Sie war dort jung. Sie ist keine Revanchistin, dazu ist sie zu intelligent. Wieso die Tatsache leugnen, dass es Nazi-Deutschland war, das Polen überfiel und den Zweiten Weltkrieg anzettelte? Natürlich vergisst sie nicht, zu erwähnen, dass es auch das berüchtigte geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt gab, das der Roten Armee erlaubte, zeitgleich in Ostpolen einzumarschieren. Und dass Hitler und Stalin einen Monat nach Kriegsbeginn den Deutsch-Sowjetischen Freundschafts- und Grenzvertrag unterzeichneten. Man solle bitte auch darüber reden, wenn man von Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg spricht.
    Das Schlesien ihrer Mutter ist voller Geschichten und Bele hört ihrer Mutter gern zu, wenn sie erzählt. Es ist, als müsse diese sich in Erinnerung rufen, dass ihr Leben auch schon mal gut war. Denn die Gegenwart ist nicht gut für sie. Sie lässt ihre Jugendzeit immer wieder aufleben - als könne das bisschen herbeierzählte Wärme sie über die Kälte und Härte der westdeutschen Wirklichkeit hinwegtrösten, mit der sie sich herumschlagen muss: eine Art herbeierzählter Wärmestrom.
    Eine der guten Zeiten im Leben ihrer Mutter musste angefangen haben bald nachdem sie sich geweigert hatte, ihr Klavierstudium fortzusetzen. Ihr Vater war nach dem Tod seiner Frau geizig geworden, Beles Mutter aber war zu der Zeit jung: ein sechzehn-/siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern mal etwas Schickes zum Anziehen kaufen wollte, mit Freundinnen im Café sitzen und/oder tanzen gehen wollte. Leben wollte. Endlich eigenes Geld in der Tasche haben und nicht länger auf einen Geldsegen warten wollte, der sich vielleicht einstellte (oder auch nicht), wenn sie nach langen Jahren harten Übens eine bekannte Pianistin wäre oder eine berühmte Sängerin. Sie las damals gerade A. E. Brachvogels Roman Friedemann Bach über Johann Sebastian Bachs genialen ältesten Sohn und sein wechselvolles Leben, das im Elend endete. Diese Lektüre habe ihr Mut gemacht, das Lyzeum zu schmeißen und als Lehrling in einem jüdischen Kaufhaus anzufangen.
Und obwohl die Beträge winzig waren, die Lehrlingen Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland als Ausbildungsbeihilfe gezahlt wurden (besonders wenig den weiblichen!), tat ihr das selbst verdiente Geld unendlich gut. Jetzt war sie nicht mehr von ihrem Vater und seinem Geld abhängig - diesem autoritären Vater, dem die neue Selbständigkeit seiner talentierten Tochter wenig gefiel. Und der sie deshalb mit Schlägen zu zwingen versucht hatte, ihr Klavierstudium fortzusetzen.
    Doch Beles Mutter weigerte sich. Warf dem Vater vor, nur weiter Kindergeld für sie beziehen zu wollen, das der Staat Eltern für ihre in Ausbildung befindlichen Kinder zahlte. Das war frech und ihre Ungezogenheit hatte den Zorn und die Prügellust ihres Vaters angefacht. Sie jedoch hatte sich lieber prügeln lassen als etwas in ihren Augen Aussichtsloses fortzusetzen. Was nützte ihr alles Talent der Welt, wenn ihre Tage und häufig auch die halben Nächte nur noch aus Arbeit bestanden? Tägliches stundenlanges Üben am Klavier, Gesangsstunden, Lernen für die Matura, daneben Hausarbeit und Versorgung der jüngeren Schwestern sowie Arbeit im Garten, den der Vater angelegt hatte, als seine Familie nach dem Krieg hungerte. Und zusätzlich zu all ihren Pflichten musste sie sich auch noch von ihrem Vater herumkommandieren lassen, dem die Hand schnell mal ausrutschte oder der Stock (damals übliche Ausdrucksformen von Vaterliebe!).
    Nach dem Tod ihrer Mutter sei keine kunstsinnige, zartfühlende Frau mehr da gewesen, die den Vater in seinem Jähzorn bremste, seine Härte milderte und die Tochter ermutigte und unterstützte. Die Haus und Garten in Ordnung und die Familie zusammen hielt und für sie und die jüngeren Schwestern kochte, wenn sie stundenlang am Klavier übte. Eine Pianistin müsse üben üben üben, gewiss. Und ja, als Tochter aus gutem Hause fühlte sie eine Verpflichtung. Doch der Adelstitel war nun schon länger verkauft (nach dem Ersten Weltkrieg, als in Deutschland die Republik ausgerufen und der Adel obsolet wurde, hatte die verarmte Familie den Titel verkauft, weil Großmutter Mizzi, die die Hohenzollern verehrte - sie hatten ihren hugenottischen Vorfahren einst Zuflucht gewährt - in einem Anfall von Patriotismus ihre Erbschaft dem Kaiser als Kriegsanleihe überließ; später bereute sie es, doch da war das Geld weg gewesen).
War es etwa ihre Schuld, dass keine der Haushälterinnen bleiben und den Vater heiraten wollte, sobald sie die große Kinderschar sah? Jetzt musste sie die Arbeit dieser pflichtvergessenen Damen verrichten, die sich zwar auf die Anzeigen des Vaters hin regelmäßig vorstellten, nach ein paar Wochen jedoch fluchtartig kündigten.
    Eines Abends, nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung, habe ihr Vater sie wegen Verstocktheit und frecher Widerworte aus dem Haus geworfen, erzählt Beles Mutter. Sie erzählt es wieder und wieder - als könne sie durch wiederholtes Erzählen ihren Schock von damals loswerden. Wo sollte sie hin? Draußen war es dunkel, bald Nacht. Aufgewühlt und starr vor Angst habe sie auf den Stufen des Hauses gesessen und geweint. Dann, als ihre Angst sich in Wut wandelte, habe sie mit den Fäusten gegen die Haustür getrommelt. Vergeblich, die Tür öffnete sich nicht. Schließlich sei sie durch eins der Kellerfenster, das eine ihrer Schwester vom Vater unbemerkt für sie geöffnet hatte, zurück ins Haus gekrochen.

    Seit jenem Abend habe sie ihren Vater gehasst und sich inbrünstig einen anderen, besseren Vater gewünscht. Ihre Sehnsucht (und Suche) nach diesem besseren Vater blieb ein treibendes Motiv in ihrem Leben. (Unbewusst blieb sie es, denkt Bele, meine Mutter heiratete einen Katholiken, konvertierte zum Katholizismus und kriegte so den Heiligen Vater in Rom. Auch ihr Ehemann war eine Vaterfigur für sie. Und dann hatte es natürlich auch noch den Führer gegeben!) Nach den Gründen für das brutale Verhalten ihres Vaters gefragt, weist Beles Mutter gern maliziös darauf hin, dass ihr Vater mit dem Kindergeld, das er für seine jüngsten Kinder erhielt, gern seine nicht sehr üppige Beamtenpension aufpolierte.

    Was war das für ein Mann – der Vater ihrer Mutter? Bele weiß nicht viel von ihrem Großvater. Was sie weiß: Er war der uneheliche Sohn eines Juden, welcher die Frau, die er geschwängert hatte, nicht habe heiraten wollen. Weil er schon verheiratet war und mehrere Söhne mit seiner legitimen Ehefrau hatte (sie wanderten später nach Afrika aus). Beles Großvater hatte unter seiner unehelichen Geburt gelitten und sich von seinem Vater missachtet gefühlt. Obwohl dieser regelmäßig Alimente gezahlt und sich pflichtschuldig um seinen außerehelichen Sprößling gekümmert hatte (immerhin brachte sein Bastard es zum Beamten mit festem Einkommen und Pensionsanspruch). Als Erwachsener hatte Beles Großvater sich dann von seiner jüdischen Herkunft distanziert, indem er sein Deutsch-Sein sehr betonte und auf keinen Fall ein „vaterlandsloser Geselle“ sein wollte. Dieser in seinem Selbstwertgefühl tief verletzte Mann hatte, durchdrungen von Patriotismus, im Ersten Weltkrieg mitgekämpft und danach, stramm deutsch-national, in einem Freikorps. Bei der Volksabstimmung von 1921 über den Verbleib Oberschlesiens bei Preußen/Deutschland hatte er selbstverständlich für Deutschland votiert (woraufhin seine Familie von heute auf morgen ihr Haus verlassen musste, da es nun in dem Teil Ostoberschlesiens lag, der dem wiedergegründeten Polen angegliedert wurde). Und schon vor dem Krieg hatte er eine kultivierte junge Dame aus verarmtem kleinen Landadel kennengelernt und geehelicht, die gern französisch sprach, seine Liebe zur Musik teilte, den Kaiser verehrte und ihn heiraten wollte, obwohl er der uneheliche Sohn eines Juden war. Er und Großmutter Mizzi hatten acht Kinder gehabt: sieben Töchter und einen Sohn. Aus diesen Kindern sollte mal etwas werden, darauf hatte Beles Großvater Wert gelegt. Und er hatte versucht, seine Liebe zur Musik an seinen Nachwuchs weiterzugeben. Leider ziemlich autoritär: wenn seine talentierten jüngeren Töchter nicht fleißig genug am Klavier übten, verdrosch er sie schon mal.
    Beles Mutter liebt Musik. Sie singt gern und kann gut Klavier spielen (inzwischen nur noch für den Hausgebrauch). Und sie erzählt gern Geschichten. Bele ist gern mit ihrer Mutter zusammen, hört ihr zu, wenn sie erzählt. Es sind wunderbar fröhliche Stunden, die sie so zusammen verbringen. Und doch windet Bele sich innerlich manchmal, wenn ihre Mutter über Schlesien spricht. Und sie geht auch nie zu den Vertrieben-entreffen, die ihre Eltern manchmal besuchen, und zu denen sie ihre älteren Kinder gern mitnehmen. Nie geht Bele mit. Stattdessen stellt sie ihren Eltern Fragen. Die diese auch ziemlich wahrheitsgemäß beantworten.
    Demnach waren ihre Eltern keine Nazis. Dazu sei ihr Vater zu katholisch gewesen, sagt ihre Mutter. Zwar sei er als Zwanzigjähriger für kurze Zeit SA-Mitglied geworden. Doch nur für ein Jahr – bis zur Röhm-Affäre 1934. Diese Mordaktion, bei der die gesamte SA-Führung von Gestapo und SS unter dem Vorwand einer angeblichen Verschwörung liquidiert wurde, habe ihm, dem katholischen Jungscharführer, die Augen für die wahre Natur der Nazi-Mörderbande und ihrer verbrecherischen Politik geöffnet. Am Tag darauf habe er seine Mitgliedschaft öffentlich vor auf dem Marktplatz von Guttentag/Dobrodzień versammelter Gemeinde und Jungmannschaft widerrufen und sich fortan nur noch in der katholischen Jugend engagiert. Überaus hingebungsvoll übrigens, berichtet ihre Mutter. So habe er Ostern 1935 die große Rom-Wallfahrt mit Papst-Audienz mitorganisiert und begeistert mitgemacht.
Ihre Mutter hatte Gründe, trotz Talent keine Karriere als Künstlerin anzustreben. Es waren sehr persönliche, sehr individuelle Gründe. Doch da war noch etwas anderes gewesen. Großmutter Mizzi, diese gebildete, tapfere Dame starb mit 51 Jahren an einer Grippe. Das war, als die Nationalsozialisten in Deutschland an Boden und Macht gewonnen hatten kurz davor standen, legal - durch demokratische Wahlen - Staat und Regierung zu übernehmen: 1932. Die Belle Epoque, jene „schöne Zeit“, von deren Ideen und Lebensart Mizzi sich hatte inspirieren lassen, war endgültig vorbei (sie war schon mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuende gewesen). Auch die Ziele der ersten Frauenbewegung: eigenständiges weibliches Denken und der Wunsch, Wissen zu erwerben, um vielleicht zu studieren und als Frau einen anspruchsvollen Beruf auszuüben oder eine Karriere als Künstlerin anzustreben, galten jetzt nicht mehr viel in Deutschland. Es entsprach nicht dem Frauenbild der Nazis, die jetzt den Zeitgeist prägten. Den Nationalsozialisten reichte es, wenn die deutsche Frau Sport trieb, arbeitete was man ihr zu arbeiten auftrug, den Mund hielt und eine aufopferungsvolle, selbstlose Heldenmutter war, die möglichst viele Kinder in die Welt setzte (damit der Führer genügend Kanonenfutter für seinen kommenden Krieg hatte!). Talent und eigenständiges Denken oder gar Intellekt störten da nur. Und Bücher gehörten für die Nazis möglichst auf den Scheiterhaufen, allenfalls noch in den Bücherschrank, nicht aber in weibliche Hände.

    Für Bele ist Schlesien Vergangenheit. Es war das Land ihrer Eltern/ Großeltern/ Urgroßeltern und die Zeit bis 1945. Sie – Bele – wurde nach dem Krieg in Śląnsk geboren, darauf legt sie Wert. Und Śląnsk liegt nicht in Deutschland, sondern in Polen. Allenfalls akzeptiert sie, aus Śląnsk-Schlesien zu stammen: diesem westpolnischen Grenzland, wo es eine deutsche Minderheit gibt, und wo nicht wenige Menschen neben Polnisch auch Deutsch verstehen und sprechen (insbesondere, wenn man selber bereit ist, Polnisch zu verstehen und zu sprechen!). Dazwischen gab es die Nazi-Diktatur, den Zweiten Weltkrieg und die sowjetisch dominierte polnische Volksrepublik (diese allerdings noch bis in die Achtziger Jahre des letzten Jahr-hunderts). Inzwischen ist Polen demokratisch: eine aus freien Wahlen hervorgegangene Republik und Śląnsk mit seinen polnisch-deutschen Straßenschildern und seiner lebendigen Kultur ein Teil davon. Vielleicht ist Śląnsk-Schlesien mit seinen kreativen, zwei- und mehrsprachigen Menschen sogar eine europäische Modellregion. Vielleicht. (Polen schloss sich 2004 der EU an.)
    Vor allem aber ist Polen für Bele das Land ihrer Kindheit: ein Land voller Musik und Liebe, wo man singt und lacht und lernt. Sie lebt jetzt in Westdeutschland und in Westdeutschland endet die Arbeit nie. Natürlich gibt es auch in Westdeutschland Musik. Aber die ist anders: perfekt und etwas herzlos, eine Musik von Spezialisten und Virtuosen für Musikkonsumenten, für die man bezahlt. Es ist keine Musik, die man selber macht oder bei der man mitmacht. Neuerdings sitzt Bele still auf Konzertstühlen, hört der Musik anderer zu, klatscht Beifall und hält den Mund. Zahlt kommentarlos für Eintrittskarten. Selber macht sie keine Musik mehr. Ihre Geige hat sie zu Hause in einer Kammer abgestellt. Die holt sie nur noch selten hervor, und wenn, dann voller Trauer. Denn auch mit dem fröhlichen gemeinsamen Musizieren und Singen, das ihre Familie in Polen pflegte, und das sie als Kind so glücklich machte, ist es vorbei. Ihre Eltern haben jetzt keine Zeit mehr. Sie arbeiten sehr viel und müssen Geld verdienen. Immerhin nimmt ihre Mutter sich ab und an noch Zeit für ihre Erzählungen. Und je öfter sie ihre schlesischen Geschichten erzählt, desto schöner wird die erinnerte Zeit: ein alter Trick unserer Seele, sich mit der Verklärung der Vergangenheit einen Ort zu schaffen, an dem man dauerhaft glücklich und geborgen sein kann…

Weitere Arbeiten:

- Flugangst Roman. Oktober 2002. Erschienen im PRINCIPAL Verlag / Münster.

- Atanea oder der sechste Kontinent. Erzählungen.

- Aurora im Morgenlicht oder Der schweinchenrosa Roman. Roman. (In Arbeit)

- Gibraltar, Gedichte. 2012

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